Wahlkampf immer brutaler: Angriffe auf Stadträte von AfD und Grünen | Politik


Wahlkampf brutal – auch in Sachsen-Anhalt.

In der Nacht zum Montag verübten Unbekannte in Halle einen Brandanschlag auf das Haus eines Parteilosen, der bei der Stadtratswahl auf der Liste der AfD kandidiert. Inzwischen ermittelt der Staatsschutz.

Bereits am Freitag wurden zwei Kandidaten der Grünen an ihrem Wahlkampfstand bedrängt. Ein Betrunkener bedrohte sie mit einer Bierflasche.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (70, CDU) beklagte Anfang Mai in einem Interview einen „allgemeinen Kulturverfall“ und sagte: „Diese Feindseligkeit hat ein neues Maß erreicht. Diese Verrohung, diese körperliche Gewalt gegen Politiker und alle, die anderer Meinung sind, gab es früher in dieser Form nicht.“

Opern-Sänger Olaf Schöder kandidiert als Parteiloser auf der Liste der AfD. Früher war er FDP-Mitglied

Opern-Sänger Olaf Schöder kandidiert als Parteiloser auf der Liste der AfD. Früher war er FDP-Mitglied

Foto: privat

In der Nacht zum Montag traf es Olaf Schöder (70). Der Opern-Sänger saß viele Jahre für die FDP im Stadtrat. Nach seinem Parteiaustritt machte er anfangs als Fraktionsloser weiter, schloss sich dann der AfD-Fraktion an. „Die Kollegen hatten großes Interesse an meinen kulturpolitischen Erfahrungen und boten eine Zusammenarbeit an.“

Nach Mitternacht flog der erste Stein durchs Fenster

Bei der Wahl am 9. Juni kandidiert Schöder als Parteiloser auf der Liste der AfD. „Das scheint einigen nicht zu passen.“

Kurz nach Mitternacht hörte der Sänger, der im Stadtteil Kröllwitz lebt, einen lauten Knall. „Ich dachte, ein Bild sei von der Wand gefallen. Doch dann sah ich, dass jemand einen Stein durch mein Flurfenster geworfen hatte.“

„Scheiß AfD-Fascho“ stand auf einem der Steine. Auf einem anderen die Zahl 19, vermutlich weil die AfD in Halle 19 Kandidaten für den Stadtrat aufgestellt hat

„Scheiß AfD-Fascho“ stand auf einem der Steine. Auf einem anderen die Zahl 19, vermutlich weil die AfD in Halle 19 Kandidaten für den Stadtrat aufgestellt hat

Foto: Olaf Schöder

Vor seiner Tür bemerkte der Stadtrat Flammen. Die Unbekannten hatten auch noch einen Brandsatz geworfen. Eine Fußmatte fing sofort Feuer. „Die habe ich gelöscht und die Polizei angerufen.“

Die Beamten waren 20 Minuten später vor Ort. Während Olaf Schöder ihnen vor seinem Haus schilderte, was vorgefallen war, krachte es erneut. Diesmal auf der anderen Seite. Ein Stein hatte das Wohnzimmerfenster zertrümmert.

Staatsschutz hat Ermittlungen übernommen

Die Beamten forderten Verstärkung an. Das Grundstück wurde mit einem Fährtenhund abgesucht. Inzwischen übernahm der polizeiliche Staatsschutz der Polizeiinspektion Halle die Ermittlungen.

Für Olaf Schöder kommt der Anschlag nicht völlig überraschend. „Wenn ich sehe, wie eine nicht verbotene Partei verächtlich gemacht wird, dann ist ein solcher Hass kein Wunder.” Schöder will sich nicht beirren lassen und weiterhin Politik machen. „Die Beamten gaben mir deutlich zu verstehen, dass Sachsen-Anhalts Polizei für meine Sicherheit sorgen wird.“

Die Täter hatten auch einen Brandsatz geworfen. Die Fußmatte fing sofort Feuer

Die Täter hatten auch einen Brandsatz geworfen. Die Fußmatte fing sofort Feuer

Foto: Olaf Schöder

Bereits am Freitag sprach die Polizei auf der Ziegelwiese einen Platzverweis gegen einen 39-Jährigen aus. Der Betrunkene hatte die Stadträte Melanie Ranft und Wolfgang Aldag (beide Grüne) an ihrem Wahlkampfstand bedrängt. Beide versuchten, mit dem Angetrunkenen zu reden und ihn zu beruhigen. Doch der reagierte immer aggressiver, kam Wolfgang Aldag immer näher und drohte, ihm eine Bierflasche auf den Kopf zu schlagen. Die Polizei musste zu Hilfe gerufen werden.

Für Wolfgang Aldag war es die erste wirklich bedrohliche Erfahrung. „Auch an dem Tag hatten wir ansonsten viele sehr interessante Begegnungen.”

Im vergangenen Jahr wurden bei der Polizei in Sachsen-Anhalt 234 Angriffe auf Politiker angezeigt, 72 mehr als im Jahr zuvor. Am meisten betroffen war 2023 laut Innenministerium die FDP (81 Fälle), gefolgt von SPD (52 Fälle) und Grünen (32 Fälle).

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