Toxische Beziehung: Anzeichen und Hilfe bei psychischer Gewalt | Leben & Wissen


Nach dem Liebesglück folgt das böse Erwachen.

Eine toxische Beziehung kann jeden von uns treffen. Schwebt man anfangs noch auf Wolke Sieben, so wird man allmählich in einen Teufelskreis von Abwertung, Druck, Manipulation und psychischer Gewalt gezogen. Umso wichtiger ist es, die Anzeichen und Hilfemöglichkeiten zu kennen.

Hier erfahren Sie alles zu den Anzeichen und Phasen einer toxischen Beziehung und wie Sie sich selbst oder anderen helfen können.

Was ist eine toxische Beziehung?

Bei einer toxischen Beziehung handelt es sich um ein „giftiges“ Verhältnis zwischen zwei Personen. Begünstigt wird eine toxische Konstellation durch einen dominanten und einem zurückhaltenden Part in der Partnerschaft.

Innerhalb dieser Verbindung findet Unterdrückung, Druckausübungen, Abwertungen, Kontrolle und Egoismus statt, die von einer dominanten Person aufgebaut werden. Eine solche Machtausübung wird auch als emotionaler Missbrauch eingestuft.

Der Gegenpart gerät dadurch in eine emotionale Abhängigkeit, aus der er sich kaum selbst befreien kann. Unterdrückte Personen in einer toxischen Beziehung haben das Gefühl, ohne ihre Bezugsperson nicht mehr leben zu können. Sie ordnen sich unter und haben mit Selbstzweifeln zu kämpfen.

Dies ist meist zwischen zwei Personen innerhalb einer Partnerschaft der Fall. Doch eine toxische Beziehung kann auch in Arbeitsverhältnissen oder familiären Konstellationen auftreten. Betroffen sind sowohl Männer als auch Frauen.

Anzeichen einer toxischen Beziehung

Eine toxische Beziehung kann sich unterschiedlich äußern. Dennoch gibt es einzelne Punkte, die einen emotionalen Missbrauch kennzeichnen. Dazu gehören:

  • Sie werden von Selbstzweifel geplagt.
  • Ihr Partner entschuldigt sich nach verletzenden Situationen nicht bei Ihnen.
  • Sie haben das Gefühl, dem Partner alles erzählen zu müssen, da dieser sonst denkt, Sie würden etwas verheimlichen.
  • Für private als auch Beziehungsprobleme werden Sie verantwortlich gemacht.
  • Ihr Partner macht Ihnen regelmäßig Vorwürfe.
  • Ihnen wird häufig mit dem Beziehungsaus gedroht.
  • Sie geben Ihrem Partner recht, damit dieser von Ihnen ablässt.
  • Sie entschuldigen sich für Dinge, die nicht passiert sind.
  • Ihr Partner ist sehr eifersüchtig und besitzergreifend.
  • Sie bekommen zu hören, dass Sie ohne ihren Partner nichts wären.
  • Sie werden von Ihrem Partner entweder extrem auf- oder abgewertet.
  • Sie werden zu sexuellen Handlungen gedrängt.
  • Ihr Partner wird Ihnen gegenüber gewalttätig.

Phasen einer toxischen Beziehung in der Partnerschaft

Eine toxische Partnerschaft entsteht über einen längeren Zeitraum. Für die betroffene Person ist das ein schleichender und kaum wahrnehmbarer Prozess. Oft wird deshalb die Situation als unbedenklich eingestuft. Zudem lassen sich Phasen und wiederkehrende Muster erkennen, die als Indiz für eine toxische Beziehung angesehen werden können.

1. Love Bombing

Der Begriff „Love Bombing“ bedeutet übersetzt: jemanden mit Liebe bombardieren. Und das beschreibt die erste Phase einer toxischen Beziehung sehr treffend. Es handelt sich um eine sowohl bewusst als auch unterbewusst angewandte Manipulationstaktik.

Der Partner überschüttet Sie mit Zuneigung, Liebe, Komplimenten und Aufmerksamkeit. Schnell wird der Wunsch einer gemeinsamen Zukunft und Familie ausgedrückt. Dabei äußert der Partner seine Gefühle bereits sehr früh nach dem Kennenlernen und gibt unrealistische Versprechen. Die Beziehung ist schnell etwas Festes.

Beim Love Bombing überschüttet eine Person eine andere mit Liebe, Fürsorge, Versprechungen und Komplimenten

Beim Love Bombing überschüttet eine Person eine andere mit Liebe, Fürsorge, Versprechungen und Komplimenten

Foto: picture alliance / blickwinkel/M

2. Isolation

Oftmals folgt die Isolation. Dabei trennt der dominante Partner den Betroffenen von seinem Umfeld. Dadurch wird der eigene Einfluss gestärkt. Dem betroffenen Part bleibt nur noch der Kontakt zum Partner. Gespräche mit Freunden und Bekannten, die Kritik oder ihr Unwohlsein an der Beziehung äußern könnten, werden minimiert.

Diese Isolation erfolgt meist schleichend: Das Bestellen von Grüßen wird ausgelassen, Ausreden werden erfunden, warum man nicht zu einem Treffen gehen kann, niemanden darf eingeladen werden, das Umfeld wird abgewertet und der Partner verbreitet Lügen, wonach die Freunde und Verwandten schlecht über einen geredet hätten.

3. Stimmungsveränderung

Sobald die rosarote Brille abgesetzt wurde, beginnen die ersten Veränderungen. Der Partner ist auf einmal abweisend, beinahe kühl. Statt Komplimenten kommt es zu Kritik. Um sich selbst besser dastehen zu lassen, beginnen Personen mit der ständigen Abwertung ihres Partners.

Ob vor Freunden, Bekannten oder Verwandten: Es kommt zu mehr oder weniger direkten Beleidigungen. Wehrt man sich mit Gegenkritik, so löst das im dominanten Partner Wut aus. Selbst die kleinsten Dinge können ihn dann zum Ausrasten bringen.

4. Auf und ab

Was folgt, ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Man ist über das Verhalten des Partners entsetzt, der beleidigende Kommentare macht und Sie herabwürdigt. Doch es folgt eine bessere Zeit, in der es zu Komplimenten der Superlative kommt. Diese Aufwertung überdeckt die schlechten Momente und lässt den betroffenen Part an der Beziehung festhalten. Wie ein Pendel wechseln diese Situationen ab.

5. Gaslighting

Der emotionale Missbrauch setzt vollends mit der Manipulation ein. Dabei wird der Betroffene vom Partner zur Ursache sämtlicher Probleme erklärt. Das führt zu Gewissensbissen und einem zerstörten Selbstwertgefühl.

Hinzu kommen Aussagen, die das eigene Empfinden infrage stellen. Typisch sind Sätze wie: „Das habe ich nie gesagt“ oder „Das bildest du dir ein“. Diese Verunsicherungen werden auch als „Gaslighting“ bezeichnet. Allmählich wird dadurch die Selbstwahrnehmung beeinträchtigt.

6. Körperliche Gewalt

Im absoluten Ernstfall folgt nach der psychischen die physische Gewalt. Wutausbrüche werden vom Partner nicht mehr nur mündlich ausgetragen. Streitigkeiten und Unzufriedenheit eskalieren und es kommt zu Handgreiflichkeiten.

Im schlimmsten Fall kann eine toxische Beziehung in physische Gewalt umschlagen

Im schlimmsten Fall kann eine toxische Beziehung in physische Gewalt umschlagen

Foto: sdecoret – stock.adobe.com

Was macht eine toxische Beziehung mit der Psyche?

Eine toxische Beziehung wirkt sich massiv auf die Psyche des Betroffenen aus. Immerhin handelt es sich um eine gefährliche Abhängigkeit vom einst geliebten Lebenspartner.

Während der Beziehung kämpfen Betroffene nicht nur mit Selbstzweifeln, Schuld- und Schamgefühlen, Frust und Ängsten. Hinzu können Depressionen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen, die aus dem ständigen Stress resultieren. Zudem können schwerwiegende Ess-, Schlaf- und posttraumatische Belastungsstörungen die Folge sein. Im schlimmsten Fall kämpfen Betroffene mit suizidalem Verhalten.

Wie beende ich eine toxische Beziehung?

Sich selbst aus einer toxischen Beziehung zu befreien, ist alles andere als einfach. Wichtig ist zunächst die Erkenntnis, dass man selbst die Situation erkannt hat. Aufgrund des geringen Selbstwertgefühls und der ständigen Manipulation sind sich die meisten Betroffenen ihrer Lage nicht bewusst und schaffen es aufgrund der Abhängigkeit zum Partner nicht, sich zu lösen.

Haben Sie emotionalen Missbrauch erkannt, gibt es einige Schritte, um sich von der Partnerschaft zu distanzieren:

  • Aus dem toxischen Umfeld entfliehen: Der erste Schritt sich von emotionalem Missbrauch zu befreien, bedeutet räumlich Abstand zu nehmen. Genehmigen Sie sich lange Spaziergänge in der Natur oder suchen Sie Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten.
  • Bei der Entscheidung bleiben: Wenn ein Schlussstrich gezogen wurde, ist es unbedingt notwendig bei diesem Entschluss zu bleiben. Halten Sie an Ihrer Entscheidung fest. Machen Sie sich bewusst, wie Ihr Leben langfristig aussehen soll und dass Ihr Partner nicht in diese Planung passt. Ein kompletter Kontaktabbruch ist Ihr gutes Recht.
  • Das Selbstwertgefühl aufbauen: Menschen, die mit einem dominanten Partner zusammenleben, verlieren über die Zeit an Selbstbewusstsein. Bei vielen fehlte bereits zu Beginn der Beziehung ein gesundes Selbstwertgefühl. Das Bewusstsein für sich selbst wiederaufzubauen, ist demnach unverzichtbar. Nehmen Sie sich Zeit für sich und kümmern Sie sich um Ihre Bedürfnisse, die jetzt an erster Stelle stehen sollten.
  • Reden hilft: Auch wenn es die Probleme nicht in Luft auflösen wird – sprechen Sie mit Bekannten oder Freunden über Ihre Sorgen und die Situation, in der Sie sich befinden. Achten Sie darauf, das zu sagen, was Sie bedrückt. Suchen Sie keine Ausreden und Entschuldigungen für Ihren Partner.
  • Professionelle Hilfe: Den Teufelskreis einer toxischen Beziehung zu durchbrechen, fordert die Unterstützung von außen. Unter anderem steht Ihnen das Sorgentelefon sowie das Hilfetelefon rund um die Uhr zur Verfügung. Auch anonyme Anrufe oder Chatnachrichten sind möglich.

Wie kann ich Betroffenen einer toxischen Beziehung helfen?

Kommt es zur Isolation des Betroffenen, verlieren häufig Freunde und Verwandte das Interesse für diese Person dazu sein. Das ist aber ein Fehler. Opfer emotionalen Missbrauches wenden sich nicht mit Absicht von ihrem Umfeld ab. Wichtig ist ihnen immer eine Möglichkeit der Flucht zu bieten. Stellen Sie sicher, dass der Betroffene weiß, dass Sie auch in Zukunft für ihn da sind.

Dabei werden Sie zunächst auf Widerstand stoßen. Dennoch sollte sich nicht von der Person abgewandt werden. Machen Sie sich bewusst, dass der Leidtragende sich seiner Situation nicht bewusst ist. Bieten Sie aktiv Gespräche und Unternehmungen an, auch wenn Sie häufig abgelehnt werden. Fragen sollten behutsam gestellt werden. Das Bombardieren mit Vorwürfen zu der Beziehung riskiert einen Kontaktabbruch.

Sie können dem Betroffenen helfen, die toxische Partnerschaft selbst zu erkennen. Dabei sollte deutlich gemacht werden, dass sich Ihr Gegenüber nicht schämen muss. Haben Sie Geduld und zeigen Sie sich verständnisvoll.

Hilfe bei einer toxischen Beziehung

Im Internet finden Sie diverse Ratgeber und Hilfsorganisationen, die Ihnen bei emotionalem Missbrauch helfen können. Im Ernstfall sollte aber immer das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder Psychiater gesucht werden. Nur mit der richtigen medizinischen Hilfe können alle Therapiemöglichkeiten besprochen und richtig angewandt werden.

Haben Sie Fragen zur Erkrankung und zu Anlaufstellen in Ihrer Nähe? Dann können Sie sich beispielsweise bei der Telefonseelsorge unter der Tel.: 0800 / 111 0 111 oder beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben unter der Nummer: 08000 / 116 016 melden.

Sollte es zu Gewalt gegen Sie oder eine betroffene Person in Ihrem Umfeld kommen, verständigen Sie die Polizei unter der Nummer 110.

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