Planetare Revolution: Kunsthalle Wien zeigt “Genossin Sonne”



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Ihre Stürme waren zuletzt so stark, dass sie zeit- und stellenweise den Nachthimmel über Wien pink und grün verfärbte. “Ich bin Genossin Sonne sehr dankbar, dass sie uns damit ihren Segen gegeben hat”, sagte Kuratorin Inke Arns am Donnerstag bei der Presseführung zur Ausstellung “Genossin Sonne”, die am Abend in der Kunsthalle Wien eröffnet wird. Es sei die dritte Kooperation der Kunsthalle mit den Wiener Festwochen, betonte Nataša Ilić vom scheidenden Leitungskollektiv WHW.

Für ihn sei sofort festgestanden, dass er mit der Kunsthalle kooperieren wolle, sagte der neue Festwochen-Intendant Milo Rau. “Revolution als Thema stand schnell fest”, gegen den “Move”, dass man sich dabei vom Humanen zum Interstellaren bewegen wolle, habe er als Humanist anfänglich “etwas Widerstand geleistet”, sei aber jetzt begeistert. Dass hier die Sonne als revolutionäre Mitakteurin ins Zentrum gerückt werde – Arns: “Wir wollen uns vom Faktischen und Historischen wegbewegen und uns ins Spekulative vorwagen!” -, sorge für wichtige Denkanstöße: Man könnte künftig auch nicht humane Akteure in den “Rat der Republik”, der die bei der morgigen Festwochen-Eröffnung ausgerufene “Freie Republik Wien” begleitet, berufen: “Die Sonne, die Bienen, Ozeane, vielleicht die Zukunft insgesamt …”

“Genossin Sonne” ergänze die bis 25. August laufende Ausstellung über Protestarchitektur im MAK hervorragend, meinte Kuratorin Arns. Die theoretische Klammer für die von ihr gemeinsam mit Andrea Popelka zusammengestellte und auch in Kooperation mit der Klimabiennale Wien gezeigten Schau liefert der sowjetische Forscher Alexander L. Chizhevsky (1897-1964), der “physikalische Faktoren des historischen Prozesses” untersuchte und dabei meinte, eine Korrelation von solaren Aktivitäten und irdischen Revolutionen feststellen zu können. Eine eindrucksvolle Grafik, die diese Zusammenhänge von der Französischen Revolution bis zum Arabischen Frühling belegen soll, erwartet die Besucherinnen und Besucher, ehe man den Ausstellungsraum betritt. Für den braucht man dann keine Sonnenbrille, sondern ein kleines Audiogerät mit Kopfhörern, denn die Sonnenschau präsentiert sich nicht strahlend hell, sondern eher als Sonnenfinsternis. Grund für dieses scheinbare Paradoxon ist die Videolastigkeit der Schau, die von Marlene Oeken und Martha Schwindling nicht mit Kojen, sondern als Diorama frei hängenden Screens samt Podestlandschaft gestaltet wurde. Die Tonspur sollte, so jedenfalls die Theorie, beim Herumschlendern im Ausstellungsraum, jeweils passend umspringen.

“The Communist Revolution was Caused by the Sun” heißt die Videoarbeit des russischen Künstlers Anton Vidokle, von Arns als vielleicht bester Kenner von Chizhevskys Theorien vorgestellt. Er zeigt darin etwa eine futuristisch-esoterisch aussehende Vorrichtung, die in der kasachischen Steppe Energie aus dem All einfangen soll, und lieferte bei der Presseführung auch einen angeblich einfachen Indikator zum Feststellen erhöhter Sonnenaktivität: Die Milch wird dann schneller sauer. Geradezu vorbildlich verbindet The Atlas Group Politik und Poesie in ihrem Video: “I only wish that I could weep” erzählt von einem Geheimagenten, der in Beirut eingeteilt war, die Videokamera, mit der die Passanten am Strand überwacht werden sollten, zu bedienen, und dabei immer wieder der Schönheit der Sonnenuntergänge verfallen ist. Als Eyecatcher erweist sich einmal mehr eine Arbeit von Katharina Sieverding: Ihr Video “Die Sonne um Mitternacht schauen” ist spektakulär. Weniger eindrucksvoll, aber unübersehbar sind die Arbeiten von Sonia Leimer: Die Südtiroler Installationskünstlerin hat “Space Junk” im Raum verteilt und erinnert mit ihren Objekten an den Weltraumschrott, der um die Erde kreist.

Auch Zeichnungen, Gemälde und Glasobjekte gibt es in dieser Themenausstellung, an der auch die Sonne selbst – etwa in den vom Sonnenlicht nachgedunkelten Papierarbeiten von Hajra Waheed – mitgearbeitet hat. Und bei etlichen Arbeiten kommt man zumindest ins Nachdenken – weniger über die revolutionäre als über die potenziell ironische Stoßrichtung der Arbeiten, bei deren Auswahl man eine schmerzlich vermisst: Der Kurzfilm “Sonne Halt!” des österreichischen Avantgardefilmers Ferry Radax (1932-2021) hätte ganz hervorragend hierher gepasst.

(S E R V I C E – “Genossin Sonne”, Ausstellung von Kunsthalle Wien und der Wiener Festwochen in Kooperation mit der Klimabiennale Wien, Kunsthalle Wien im Museumsquartier, Eröffnung heute um 19 Uhr. Laufzeit bis 1. September, Di-So 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr, www.kunsthallewien.at)

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