AK will stille Reserven am Arbeitsmarkt heben



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Der Chefökonom der Arbeiterkammer (AK), Markus Marterbauer, fordert eine aktivere Arbeitsmarktpolitik der Regierung. Wenn die Zahl der Arbeitslosen steige und zugleich die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften suche, müssten Vermittlungsbemühungen verstärkt und neue Qualifizierungsmöglichkeiten geboten werden.

Potenziale an Arbeitskräften gebe es auch bei Personen in Niedriglohnjobs, unter zum Teil sehr gut ausgebildeten Migranten, bei Teilzeit- oder ungelernten Hilfskräften sowie bei Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern. Marterbauer zitiert eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS), wonach 290.000 in Vollzeit beschäftigte Personen in Österreich weniger als 2000 Euro brutto verdienen. Hier könnte angesetzt werden. Dazu kämen Zehntausende in Teilzeit beschäftigte Personen, die bereit seien, 30 statt wie bisher 20 Stunden wöchentlich zu arbeiten.

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo schätzt die so genannte “stille Reserve” an Arbeitskräften in Österreich auf rund 312.000 Personen. Sie fallen nicht in die Arbeitslosenstatistik, weil sie nicht aktiv nach einer Stelle suchen. Dazu kommen knapp 140.000 unfreiwillig Teilzeitbeschäftigte, die lieber in Vollzeit arbeiten möchten.

“Das Potenzial an Arbeitskräften ist riesig, es wird unterschätzt”, sagte Marterbauer am Montag im Klub der Wirtschaftspublizisten in Wien. Um dieses Potenzial für den Arbeitsmarkt nutzbar zu machen, wären intensivere Vermittlungsbemühungen – und mehr Personal – beim Arbeitsmarktservice AMS sowie Qualifizierungsmaßnahmen nötig.

Das Argument, etlichen Arbeitslosen gehe es so gut, dass sie gar nicht arbeiten wollten, weist Marterbauer zurück: “Niemand ist freiwillig arbeitslos” – umso weniger, als die Höhe des Arbeitslosengelds durch Nichtanpassen an die Inflation um real 15 Prozent gesunken sei.

Für Arbeitnehmer sei “Arbeitskräfteknappheit super”, weil die Unternehmen sich nach Bedürfnissen und Wünschen der Arbeitskräfte richten müssten. Das werde mittelfristig “zu besseren Jobs führen”, erwartet Marterbauer. Mittelfristig werde der Andrang von Arbeitskräften zurückgehen, “allein aus demografischen Gründen”.

Dem Ruf von Gewerkschaft und SPÖ nach kürzerer Arbeitszeit kann Marterbauer einiges abgewinnen. “Man muss schauen, dass die Leute nicht ausbrennen”. Es gehe auch darum, die Menschen dazu zu bringen, dass sie länger im Job bleiben können. Dafür gebe es bereits mehrere Möglichkeiten – etwa indem man sich eine Lohnerhöhung als Freizeit abgelten lasse.

Ein Schlechtreden des Industriestandorts sei nicht angebracht. Die Industrieproduktion in Österreich sei seit 2015 um 22 Prozent gestiegen. Im EU-Schnitt lag der Zuwachs bei 4 Prozent, die deutsche Industrieproduktion sei in diesem Zeitraum um 7 Prozent gesunken. Resüme: “Unsere Industrie ist bärenstark”. Allerdings sei sie stark auf Anlagenbau fokussiert und somit konjunkturabhängig.

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